Die Kunst ist eine Diktatur

Im Dezember haben Jahreslisten Hochkonjunktur. Was verraten sie uns über Objektivität?

Photo by  Mark Solarski  on  Unsplash

Photo by Mark Solarski on Unsplash

Das Jahr endet am 30. November. Der letzte Monat dient nur noch der Innenschau, im ganz Privaten und im Kollektiv. In der Zeit der Besinnlichkeit lässt man das Jahr Revue passieren, verfällt in frühzeitige Nostalgie, zieht Bilanz. Es ist die Zeit, in der das Jahr resümiert wird und in der Jahreslisten Hochkonjunktur haben – gerade in der Kultur. Die Top-Listen, die das musikalische oder literarische Jahr zusammenfassen und beurteilen, sind für viele sakrosankt.

Der Schriftsteller Umberto Eco ernannte die Liste sogar einst zum „Ursprung der Kultur“. Was die Kultur anstrebt, so Eco, ist die Unendlichkeit begreifbar zu machen und Ordnung zu schaffen. Am besten in Form von Aufzählungen. Man sollte den Sachkundigen dankbar sein, dass sie jedes Jahr für uns einordnen, was an der Spitze thront und was wieder schnell in Vergessenheit geraten darf. Vor allem sollte man ihnen dafür danken, dass sie die Kultur als das entlarven, was sie ist: eine Diktatur. Nur, wer herrscht?

Hat Kendrick Lamar wirklich das beste Album des Jahres produziert?

Mit Objektivität haben die Top-Listen gänzlich wenig zu tun. Hat Kendrick Lamar wirklich das beste Album des Jahres produziert? Ist der neue Teil der „Star Wars“-Reihe der beste Film? Wer hat hier die Deutungshoheit? Die Jahreslisten sind eine offene Provokation. Sie stilisieren eine subjektive Meinung zur objektiven Wahrheit hoch. Aber natürlich wollen sie auch abgelehnt werden, wollen anecken und widerlegt werden. Denn was ist schon gut – also rein objektiv jetzt?

Das Künstlerduo Komar und Melamid analysierte in den 1990er Jahren berühmte Gemälde und Musikstücke und erstellte eine Liste mit den Charakteristiken, die an den Werken besonders geschätzt wurden. Es war der Versuch, die Trennlinie zwischen gutem und schlechtem Geschmack zu ziehen und zu analysieren, ob der demokratische Wille des Volkes auch zu künstlerisch wertvollen Ergebnissen führt. Basierend auf ihren Funden komponierten die beiden zwei Songs: den „Most Wanted Song“ und den „Most Unwanted Song“. Letzterer bestand unter anderem aus Dudelsack-Klängen, Operngesang und Werbejingles. Der „beliebte“ Song klang stark nach Céline Dion. Bei der breiten Masse kam der Song an, die befragten Kritiker sprachen sich hingegen fast einstimmig für den „unbeliebten“ Song aus – allem musikalischen Horror zum Trotz. Es zeigt, wie groß der Graben zwischen Experten- und Laienmeinung ist. Und dass die Kunst selbst ihr eigener Herrscher ist – Jahr für Jahr wieder.

Erschienen im Tagesspiegel am 20. 12. 2017

Max Thollculture, music