Wie Underdogs uns blenden

Wir lieben Underdogs, aber oft sind sie nur Scheinzwerge mit bösen Absichten. Gerade in der Politik wird das zur Gefahr.

Photo by  Fauzan Saari  on  Unsplash

Photo by Fauzan Saari on Unsplash

Es läuft bisher nicht rund für die Titelfavoriten bei dieser WM: Brasilien gewinnt in letzter Minute gegen Costa Rica, Argentinien bleibt unter den Erwartungen. Die Helden sind die Underdogs. Und wie soll man dem Zauber widerstehen? Island zum Beispiel ist das kleinste Teilnehmerland aller Zeiten, der Nationaltrainer arbeitet nebenbei als Zahnarzt und Verteidiger Birkir Már Sævarsson musste bei seinem Arbeitgeber, einer Salzfirma in Reykjavik, um Erlaubnis fragen, zur WM fahren zu dürfen. Und dann schaffte die Mannschaft im Spiel gegen Argentinien ein Unentschieden. Underdogs sind Helden und wir wollen sie gewinnen sehen. Ihr Erfolg beweist, dass das Unmögliche durchaus möglich ist – auch im eigenen Leben. Und natürlich mischt sich Schadenfreude über den Misserfolg der Starken hinzu. Wer will schon den Mächtigen zujubeln?

Emmanuel Macron, Jeremy Corbyn, Bernie Sanders und natürlich Donald Trump: Sie alle galten anfangs als chancenlos

Die Außenseiterrolle ist ein Garant für Sympathien. Durch sie lassen sich nicht nur die Herzen von Fußballfans gewinnen, sondern auch politische Macht. Emmanuel Macron, Jeremy Corbyn, Bernie Sanders und natürlich Donald Trump: Sie alle galten anfangs als chancenlos. Doch gerade ihre Rolle als Underdogs ließ die Anhängerschaft wachsen. Was sie eint, ist ihre Kampfansage an das „Establishment“, den Titelfavoriten der Politik. Populismus, egal ob von rechts, links oder aus der Mitte, schrieb der argentinische politische Theoretiker Ernesto Laclau, ist im Wesentlichen der Kampf zwischen den „Mächtigen“ und den „Underdogs“. Der Erfolg der Populisten resultiert aus der von ihnen inszenierten Distanz zu den etablierten Parteien, aus ihrer (vermeintlichen) Unterlegenheit. Hierzulande versteht sich die AfD als politischer Outlaw und als alleiniger Vertreter der gesellschaftlichen Außenseiter. Ihr Narrativ ist das der verdrehten Rollenverteilung: Die einstigen Außenseiter – Homosexuelle, Migranten, Andersgläubige – sitzen nun an den Hebeln der Macht, während nun das deutsche „Volk“ an den Rand gedrängt wurde. Abgehängte, Ewiggestrige – das ist das Vokabular, mit dem man die AfD-Wähler beschreibt. Sie deuten es als Beleg für die Unterdrückung durch die Diktatur der Minderheiten. Doch die Rolle des Underdogs stört die AfD ebenso wenig wie Trump, im Gegenteil. Sie wollen das Außenseiter-Monopol.

Populisten wollen politische Scheinzwerge sein

Aber geht das überhaupt? Der mächtigste Mensch der Welt, ein Außenseiter? Populisten wollen politische Scheinzwerge sein. Donald Trump betont immer wieder, dass er sich als Underdog versteht, dass er an der Seite der Machtlosen gegen das Establishment in Washington kämpft. Gleichzeitig wird man im Trump- und im AfD-Lager nicht müde zu behaupten, dass man den Großteil der Nation hinter sich hat und die Machtverhältnisse ins Wanken bringt. Trump und die AfD wollen Schrödingers Politiker sein: Außenseiter und Machtinhaber zugleich.

Die Außenseiterrolle ist ein Mythos. Selbst bei David, dem ersten und biblischen Underdog, war das Kräfteverhältnis nicht so unausgeglichen, wie es die Metapher will. Wie der amerikanische Autor Malcolm Gladwell in seinem Buch „David und Goliath“ schreibt, war David dem Riesen zwar körperlich unterlegen, aber wusste Goliaths Vorteil – die Körpergröße – zu dessen Nachteil zu nutzen. Hätte man bei einem zweiten Kampf David noch als Außenseiter gesehen? Man sollte nicht vergessen, wie schnell aus vermeintlichen Davids Goliaths werden können. Wenn der amerikanische Präsident wirklich glaubt, Underdog zu sein, ist der Realitätsverlust bei ihm schlimmer als befürchtet.

Erschienen im Tagesspiegel am 24. Juni 2018